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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : 14.02.2010: Unser vierter Adventsstern wird flügge



Emma
29.04.2010, 08:53
Liebe Leser und Leserinnen,

die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Manchmal erscheinen uns diese Geschichten allerdings so unwirklich wie in einem „Kitschroman“ – dennoch sind sie wahr. Eine solche Geschichte möchten wir erzählen und wenn wir zurück denken, können wir in manchen Momenten selbst nicht glauben, dass diese Geschichte wirklich so geschehen ist, wie sie ist.

Es war Ende November 2009. Unser Verein Retriever und Freunde e.V. war gerade erst wenige Tage alt, als bereits die erste Zuchthundetour zu organisieren war. Am Samstag den 28. November 2009, dem Tag als unser Forum online ging, übernahmen wir vier ehemalige Zuchthündinnen in unsere Obhut: Janny, Emma, Pumpkin und Enya durften in Freiheit. Voller Freude wurden die vier Ladys von ihren Pflegefamilien empfangen. Janny, die Hauptperson unserer Geschichte, war die Kleinste und Schüchternste von den Vieren. Ihr körperlicher Zustand war von allen am schlechtesten - ihr geschundener Körper wog gerade einmal 18 Kg, man konnte jede Rippe sehen. Petra, Jannys Pflegefrauchen, ist eine erfahrene Pflegestelle und so wussten wir die kleine Schwarze in guten Händen. Petra wird die kleine Motte mit Sicherheit wieder aufpäppeln, in ein paar Tagen sieht die Welt schon ganz anders aus - so unsere Gedanken bei der Übergabe. Und in der Tat sah die Welt ein paar Tage später ganz anders aus – allerdings keineswegs so, wie wir gedacht hatten.

Es kam der Abend des 30. November: Jannys Pflegefrauchen Petra hatte es sich gerade so richtig gemütlich gemacht, um mit ihren Hunden und Janny einen ruhigen Fernsehabend zu genießen. Kurz vor 21.00 Uhr wurde Janny plötzlich unruhig, kratzte in ihrem Körbchen, drehte sich ein paar Mal hin und her, stöhnte kurz auf und: Ein kleiner brauner Welpe plumpste auf diese Welt!

Pflegefrauchen Petra erstarrte einige Sekunden in völliger Fassungslosigkeit, bis sie so richtig begreifen konnte, was in diesem Moment passierte. Schnelles Handeln war gefragt. Sofort liefen alle Telefone heiß: Es wurden Standleitungen zur Pflegestellenbetreuung gelegt, die bereits über umfangreiche Erfahrungen bei der Geburt von Welpen verfügte. Alle Schritte wurden besprochen und die weiteren Geburten am Telefon begleitet. Melanie, die Patentante von Janny, sprang sofort ins Auto und fuhr mit heißem Reifen zu Petra, um vor Ort tatkräftige Hilfe leisten zu können.

Unser aller Sorge galt Janny, die nur zwei Tage nach ihrer Ankunft natürlich noch in keinem besseren Zustand und sehr schwach war. Würde sie es schaffen? Wie viele Babys werden es sein? Das ganze Forum stand Kopf, bangte, hoffte, drückte Daumen und fieberte vor den Bildschirmen mit. Ein Live-Ticker unterrichtete die Mitglieder über den Verlauf der Geschehnisse – für viele wurde es eine lange Nacht, die Aufregung und Spannung war zu groß, um ins Bett zu gehen.


Die erste kleine Hundedame, später „Mia“ getauft, war wohlauf und hatte ein energisches Stimmchen. Janny umsorgte sie vorbildlich und liebevoll. Um 23.30 Uhr folgte Baby Nummer zwei: die kleine braune „Marla“. Janny wurde zusehends schwächer. Als „Merle“ um 00:39 auf die Welt kam, konnte Janny die Fruchtblase nicht mehr selbst entfernen. Menschliche Hilfe war nötig, um das Überleben des kleinen Mädchens zu sichern. Bei Baby Nummer vier, das sich nur 30 Minuten später ankündigte, war Janny dann am Ende ihrer Kräfte angelangt - zu erschöpft, um weiter pressen zu können. Das Baby wurde schließlich mit einem beherzten Griff von „Hebamme“ Melanie geholt. So hatte es auch „Maura“ geschafft. Trotz aller Freudentränen hofften wir, dass keine weitere Geburt folgen würde - Janny wäre zu geschwächt gewesen. Und zum Glück blieb es bei den vier Welpen.




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Am frühen Morgen lag Janny noch immer erschöpft aber glücklich mit ihren vier Mädchen in der provisorisch hergerichteten Wurfbox und putze sie liebevoll. Die Welpen waren wohlauf und putzmunter. Sorgen machten wir uns jedoch weiterhin um Janny. Diese sollten sich jedoch Gott sei Dank als unbegründet herausstellen. Die Tierärztin kam vorbei und untersuchte die kleine Familie. Zwar war Janny sehr geschwächt, ihr Kreislauf jedoch war stabil, sie trank und hatte kein Fieber.

Große Freude machte sich unter den Mitgliedern breit über den unerwarteten „Vereinszuwachs“. Eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft für Janny und die vier kleinen Adventssterne, wie sie liebevoll im Forum genannt wurden, nahm ihren Lauf. Von einem Mitglied wurde eine exklusive Welpenbox zur Verfügung gestellt. Gleich am nächsten Tag machte sich ein Teammitglied auf die lange Fahrt und brachte die Box zu der kleinen Familie. Viele Spenden gingen zur Deckung der Tierarztkosten und für die Versorgung der Babys und Mami Janny ein. Der örtliche Postbote wurde Dauerbesucher der kleinen Familie: Pakete über Pakete erreichten Petra mit allem, was Janny und ihre Babys brauchten und auch die Pflegemama wurde nicht vergessen. Hatte sie diese Nacht doch mit Bravour gemeistert und nun wahrlich alle Hände voll zu tun. Als wäre dies nicht schon genug, zog Petra für die nächsten Wochen auch noch ins Wohnzimmer, damit die kleine Familie ihr eigenes Reich haben konnte. „Hebamme“ Melanie rückte mit Baumaterial und Werkzeug an und zimmerte in Petras (ehemaligem) Schlafzimmer eine wunderschöne Welpenstube.




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In den folgenden Wochen wuchsen vier stattliche kleine Damen heran. Janny kümmerte sich rührend um sie und war eine perfekte Mutter. Sie erholte sich gut, verlor zunehmend ihre Schüchternheit und entwickelte ein tiefes Vertrauen zu ihrem Pflegefrauchen. Diese Zeit hat Janny und Petra eng zusammen geschweißt. Kein Wunder also, dass es Petra letztlich nicht mehr möglich war, Janny in eine andere Familie gehen zu lassen. Unsere kleine tapfere Mami durfte für immer bei ihrem (Pflege-)Frauchen bleiben.

Auch die kleinen „Rockerladys“, wie Petra die Babys zärtlich nannte, haben alle ein liebevolles Zuhause gefunden. Als erste packte Mia Ende Januar ihr kleines Köfferchen und zog zu ihrer neuen Familie nach Ostwestfalen-Lippe. Es folgten Merle und Marla, die nun im Ruhrgebiet und in Ostfriesland rocken. Am 14. Februar dann war es so weit: Der letzte unserer vier Adventssterne wurde flügge: Klein Maura zog zu ihrer Familie in den Landkreis Germersheim.




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Eine wunderschöne Geschichte mit Happy End, nicht wahr? Was aber macht diese Geschichte so unglaublich, so einzigartig? Nun: Keiner wusste von Jannys Trächtigkeit, denn ihr Vermehrer hätte sie niemals gehen und sich ein Geschäft entgehen lassen. Ausgerechnet die unterernährte Janny: Es war nicht der Ansatz eines Bäuchleins zu sehen und das zwei Tage vor der Geburt. Sie hat ihre Babys ganz tief unter ihrem Herzen versteckt und in die Freiheit geschmuggelt, als hätte sie gewusst, dass die Zeit gekommen ist. Eine Zeitspanne von nur zwei Tagen entschied nicht nur über ein Leben in Freiheit für Janny, sondern auch über Leben und Tod. Was wäre wohl gewesen, hätte Janny ihre Babys in dieser Montagnacht alleine in einem Zwinger gebären müssen? Bereits beim dritten Welpen war sie so geschwächt, dass es ihr nicht mehr gelang, die Fruchtblase zu öffnen. Dieses kleine Mädchen hätte wohl nicht überlebt. Den vierten Welpen konnte Janny nicht mehr selbstständig auf die Welt bringen – möglicherweise hätte er nie das Licht der Welt erblickt und möglicherweise hätte auch Janny es nicht geschafft.

Die ersten Tage des Bestehens unseres Vereins waren an Aufregung und Freude kaum zu überbieten. Wir sind sehr stolz auf Jannys Pflegefrauchen, die einen großartigen Job gemacht hat. Wir sind sehr stolz auf unsere Mitglieder und voller Dankbarkeit für die unglaubliche Unterstützung, die unser junger Verein und vor allem Pflegefrauchen Petra, Janny und ihre Babys erhalten haben.

Und: Wir sind alle mächtig stolz auf unsere Janny und auf ihre kleinen „Rockerladys“ Mia, Marla, Merle und Maura.




copyright© Fotos: Retriever und Freunde e.V.; Text: Judith Pagel, Anina Mischau